Odyssee

Begonnen hatten wir unsere Tour in der Türkei mit Troja, wo wir bereits auf die Spuren von Odysseus stießen. Und geendet hatte unsere Reise in der Türkei mit der durch das Orakel von Delphi begründeten Stadt Ephesos. Der Westen der Türkei ist förmlich getränkt mit den epischen Geschichten des Homer.
Für uns hieß es aber Abschied nehmen, um die Heimreise anzutreten.

Nur noch wenige Kilometer trennten uns von der Fähre in Cesme, die uns zurück nach Griechenland bringen würde. Ja, „würde“ sage ich! Mit ohrenbetäubendem Lärm tief aus den Eingeweiden kam der Bock direkt vor einer Polizeikontrolle auf der Schnellstraße zum Stillstand. Er bewegte sich keinen Millimeter nach vor bzw. retour. Nicht nur wir, sondern auch die drei jungen Polizisten waren ratlos. Uns war klar, das war jetzt ein massiver Schaden an der Maschine. Die Gummimuffe bei der Kardanwelle war weg und man konnte die frei liegenden gebrochenen Kolben sehen. Mit Google-Translate klappte wenigstens die Konversation mit den Polizisten recht gut. Sie kümmerten sich um einen Abschleppdienst, der uns die letzten 10 Kilometer zur Fähre bringen sollte, damit wir die Ausreise nach Chios in Griechenland doch noch schaffen würden. Wir hegten nämlich die Hoffnung, von dort mit der nächsten Fähre nach Athen in eine Werkstatt zu kommen. Das Unterfangen kristallisierte sich jedoch als sehr mühsam und kostspielig heraus, weil jede Bewegung des nicht fahrtauglichen Gefährts von der Hafenbehörde genehmigt werden musste und kostenpflichtig war – Bock zur Fähre, Bock auf die Fähre, Bock wieder runter von der Fähre, Bock im Hafengelände stehen lassen usw. . Also doch keine Ausreise!

Der Abschleppservice kutschierte uns zurück nach Izmir, zu einer großen BMW Werkstatt. Die Mechaniker wussten gleich was da los war. Sie hingen an den Telefonen, um irgendwo eine passende Kardanwelle zu finden. Ein neuer Originalteil wäre 14 Tage von Deutschland in die Türkei unterwegs gewesen. 14 Tage Izmir? Nein, das war keine Option für uns. Letztendlich war eine Lösung gefunden, die den Bock wieder auf die Strasse brachte und wir wenigstens bis Österreich kommen würden. Zwei Tage lungerten wir im Hotel herum. Bei offenem Fenster toste der Verkehrslärm von den das Hotel umzingelnden Autobahnen. Wir hatten auch gar keine Lust irgendwas in der Stadt zu unternehmen. Wir plünderten den Bankomat, damit wir die Reparatur zahlen konnten. Dankbar für die Hilfe planten wir auch Trinkgeld ein. Und wie es die Ironie des Schicksals so wollte, nahmen die Mechaniker kein Trinkgeld, sondern spendeten es für das Futter für die 12 Straßenkatzen, die am BMW Gelände ihr Zuhause hatten. Das traf den NICHT-Katzenfreund Bock-Chef hart. Aber was soll´s. Der Bock war wieder fit und wir starteten einen neuerlichen Versuch zur Ausreise nach Chios. Am Hafen angekommen bemerkten wir, dass die Bremse, der Hinterreifen und die Koffer voll mit Öl bespritzt waren. Na fein, da kam Freude auf! Ein paar Fotos per WhatsApp an die Werkstatt geschickt, es war Samstag Nachmittag. Antwort kam keine mehr. Diesmal waren wir wenigstens in der glücklichen Lage, dass der Bock noch fahrtauglich war. Unsere Vermutung war, dass überschüssiges Öl von der Reparatur die Ursache war.

In Chios musste ich dann wegen einer starken Verkühlung einen Tag Zwangspause einlegen. Der Abfahrtshafen der Fähre nach Athen wurde auf die andere Seite der Insel verlegt und das Öl spritzte noch immer raus. Erfreulicherweise gab es in Chios eine große Motorradwerkstatt mit sehr kompetenten Mechanikern, die unser Ölproblem lösen konnten. Die Kardan-Transplantation war scheinbar nicht ganz so geglückt, daher wurde Temposchonung und die Warnung vor zu höppeligen Straßen ausgesprochen. So sollten wir die restlichen rund 1000 km nach Hause doch schaffen, meinte der Werkstatt-Leiter. Dann ab noch bei Tageslicht auf die andere Seite der Insel. Wir wollten nicht riskieren in der Dunkelheit auf einer kleinen Straße ein Schlagloch zu übersehen. Der Hafen von Mesta besteht aus einer Taverne, ein paar Fischerbooten und der Anlegestelle. Fünf Stunden griechisches Tavernen-Flair bis zur Einschiffung, was macht man da? Einen guten frischen Fisch essen, der Kellner hat sogar musiziert, die Zeit tot schlagen. Dann auf der Fähre irgendwie auf einem Sessel schlafen und in Piräus hat uns die Fähre im Morgengrauen wieder ausgespuckt.

Unsere Pläne für die restlichen Tage in Griechenland mussten wir ändern, denn die kleinen Bergstraßen am Peloponnes waren vielleicht nicht das Passende für den maroden Bock. Aber Delphi lag noch am Weg nach Igoumenitsa. Das war die Idee, da könnten wir gleich das Orakel befragen und das machten wir auch. Normalerweise wurden die Orakel-Vorhersagungen für das gemeine Volk mit weißen und schwarzen Bohnen gemacht – weiß = JA, schwarz = NEIN. Mehr Antworten gab es für die einfachen Leute nicht. Bohnen hatten wir keine, aber schwarze und grüne Oliven gab es am Weg zum Tempel in Delphi. Ich mimte die hohe Priesterin und der Bock-Chef durfte seine Frage stellen, die sich natürlich um ein Motorrad drehte. Der untreue Patron wollte wissen, ob er ein (übertragenes) Neues kaufen soll. Das Orakel hat gesprochen: grüne Olive = JA. Gott sei Dank hat das der Bock nicht mitbekommen, denn wer weiß, wie er dann reagiert hätte für den Rest der Fahrt.

Die letzte Etappe war dann von Itea bei Delphi entlang der landschaftlich schönen Küste bis Igoumenitsa. Ein Wetterumschwung bescherte uns auf den letzten 70 km noch schwere Regenfälle, Blitz und Donner, aber dann waren wir sicher da und warteten in Igoumenitsa einen weiteren Tag im Hotel am Hafen auf die nächste Fähre, die uns nach Venedig brachte. Natürlich lief nicht alles pünktlich ab. Fast drei Stunden Verspätung. Was soll´s, hatte schon Odysseus Probleme bei der Heimreise, warum soll´s uns anders gehen. Immerhin waren in den vergangenen Tagen schon einige ungeplante unerfreuliche Abenteuer dabei.

In der aufgelassenen Disco auf der Fähre schnappten wir uns eine Sitzbank, ein paar Stühle und richteten uns für die nächsten 26 Stunden gemütlich ein. Venedig wir kommen und wir verlassen dich auch gleich wieder, weil wir so schnell wie möglich vorankommen müssen! Es sollte ziemlich kalt werden. Vom heimatlichen Stützpunkt hatten uns schon die ersten Fotos mit Schnee erreicht. Kälteschock! Und die Fahrt war wirklich stundenlang eiskalt. Bis Ansfelden hielten wir durch, aber dann war Schluss, zu riskant auf Eis weiter zu fahren, auch wenn es nicht mehr weit war. Planmäßig konnten wir am Sonntag mittags bei Tauwetter die letzten Kilometer problemlos runter radeln. Odysseus brauchte 10 Jahre um nach Hause zu kommen. Wir schafften es in 10 Tagen.

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Ein Gedanke zu „Odyssee

  1. Elisabeth Kratschmer

    Fein, dass ihr wieder gesund da seid nach dieser langen Reise und dem am Schluss noch zu bewältigenden „Bock Abenteuer“ der anderen Art!

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