Echt unecht

Noch ein paar Kilometer waren in Tschechien zu fahren, bevor wir in der sächsischen Schweiz beim Elbsandsteingebirge nach Deutschland abbogen.

Ehrlich gesagt, ich hatte kaum Lust auf der Strecke zu fotografieren. Zuerst hier nahe der Grenze die von den Borkenkäfern zerfressenen tschechischen Wälder und dann in Hrensko eine Flut von richtigen „Ramschgeschäften“ für Touristen, alles billige Chinaware zu Wucherpreisen, kein regionales Kunsthandwerk, das es in der Gegend durchaus noch gäbe. Der Ort an sich hätte schon Charme mit seinen Belle Epoque-Hotels, die dicht an die hoch aufragenden Sandstein-Felsen gebaut sind und davor plätschert der Kamenice-Bach durch das enge Tal. Eine echt unechte Ferienidylle! Aber vielleicht war meine Laune auch durch den wolkenverhangenen Himmel hier etwas getrübt.

Gemächlich schlängelten wir uns entlang der Schienen der Kirnitzschtal-Bahn, ein schnuckeliges Züglein, das eher wie eine historische gelb-grüne Straßenbahn aussieht. Hier wirkte wieder alles sehr unberührt, also echt. In Sebnitz passierten wir ein heruntergekommenes Fabriksgebäude mit der Aufschrift „Blumenfabrik“. Wie werden Blumen in der Fabrik gemacht? Komisch! Aber dann kam gleich die Auflösung: es handelte sich um die Herstellung von Kunstblumen. Eigentlich hatte ich mir noch nie Gedanken über die Herstellung von Seidenblumen gemacht. Wozu auch! Der Besuch der Schaufabrik lohnte sich daher umso mehr. Es stecken wahnsinnig viele Handgriffe in der Produktion nur einer einzigen Blume. Jedes Seidenblumenblatt wird händisch gestanzt, gefärbt, in Form gepresst und dann zur Blüte zusammen gesetzt.

Ab 1834 gab es Blumenmacher in Sebnitz und sächsisch Neustadt. Anfänglich wurde viel in Heimarbeit produziert. Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurden gar 200 Blumenfabrikanten und Blumenmacher in Sebnitz gezählt. Manchmal waren bis zu 15.000 Personen mit der Produktion der Blumen beschäftigt. Hauptexportland war die USA. 1925 lag der Gesamtexport an Textilblumen bei 12,6 Millionen und bei Papierblumen bei 14, 5 Millionen Reichsmark (1 Reichsmark 1924 = € 4,20). Ganz schön beachtlich. Aber wofür brauchte man so viele Kunstblumen? Beim Spaziergang durch die Schauräume wurde mir so einiges klar. Modische Hutdekorationen, Kränzchen für die Erstkommunion, Schaufensterdekorationen, Haarschmuck, Brautsträusschen und Blumenanstecker für den Herren und noch vieles mehr war da in den Vitrinen zu sehen. 1944 jedoch wurde die Blumenmacherei als „nicht kriegswichtig“ verboten. Nach Kriegsende nahm die Produktion wieder Fahrt auf und es konnten 1947 bereits wieder an die 10.000 Beschäftigte in Fabriken oder in Heimarbeit gezählt werden. Mit der 1953 gegründeten volkseigenen Kunstblumenfabrik in Sebnitz schien es bis in die Anfänge der 1970er gut zu laufen. Erst 1990 wurde das Werk aufgelassen, wo damals noch 3000 Leute beschäftigt waren. Es ist sehr löblich, dass man diesen Wirtschaftszweig der deutschen Kunstblumenerzeugung in den Schauwerkstätten aufrecht hält. Immer hin gibt es noch zahlreiche interessierte Abnehmer für die kunstvoll handgefertigten Blüten. Eine der Blumenmacherinnen berichtete, dass heute noch von Sebnitz nach New York geliefert wird. Ergo, es muss nicht alles aus China importiert werden, wenn es die Möglichkeit zur Produktion auch regional gibt. Kunstblumen = echt unecht, aber sie wirken recht echt!

Den Spreewald ließen wir wetterbedingt etwas links liegen. Die versprochenen schönen Landschaften waren versteckt oder zu entlegen auf unserem Weg nach Berlin. Daher musste der Frust an der Tankstelle mit echtem Nervenfutter aus Österreich gestillt werden.

Berlin begrüßte uns mit Regen. Echt unfair! Aber im Foodcourt im KaDeWe (Kaufhaus des Westens) wurden wir für alles entschädigt. Köstlichst gefuttert . Echt gut (lecker) – nix unecht. Oder war doch etwas im KaDeWe unecht? Ja genau, die Flamingofedern und die Häschen bei den beiden exzentrischen kuscheligen Sesseln, die waren echt unecht!

#kunstblumen #berlin #kadewe #motorradreise

5 Gedanken zu „Echt unecht

  1. Bine

    Diese Sessel finde ich echt bisschen gruselig – rosa hin oder her. Andererseits muss man mal auf so eine Idee kommen!
    Wünsche euch noch viele Eindrücke und unfallfreie Weiter- und Heimfahrt

    Gefällt 1 Person

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